Die Anlage der Stephanus-Stiftung zwischen der Albertinenstraße und Parkstraße sticht aus der Reihe. Das Gebäude mit der spannendsten Geschichte befindet sich in der ersten Reihe: Die ehemalige Israelitische Taubstummenanstalt.

Die Israelitische Taubstummenanstalt für gehörlose Kinder

Schüler gehen ein und aus, ein Dickicht an Bäumen und Sträuchern machen die Gänge und Plätze des Stiftungsgeländes rund um die Elisabeth-Schulen in der Parkstraße 22 zu einem heimeligen Ort. Heute lernen hier mehr als 400 Schüler an den Fachschulen soziale Berufe wie der Heilerziehungspflege, Altenpflege oder besuchen die Ausbildung zum Sozialassistenten. Im Fokus liegt dabei auch das christliche und diakonische Menschenbild, das als Leitbild der Fachschule dient. In einem krassen Gegensatz dazu bewegen sich die Ereignisse während der 1940er-Jahre, als die Israelitische Taubstummenanstalt in der Parkstraße ihr gewaltsames Ende fand. Hier wurden bis zum Jahr 1942 gehörlose Kinder mit jüdischem Glauben vor allem für die Hochschulreife in naturwissenschaftlich-technischen Fächern vorbereitet. Die Schüler waren doppelt betroffen, denn sie wurden als Juden und als Taubstumme geächtet.
Gegründet wurde die Einrichtung 1873 von Markus Reich, der die Arbeit mit taubstummen Kindern an seinem damaligen Wohnsitz Fürstenwalde begann. 1884 wurde der Verein Jedide Ilmin (Freunde der Taubstummen) gegründet, der der Träger der Einrichtung wurde. 1888 erwarb der Verein das Grundstück an der Parkstraße, um das Vereinsziel der Berufsausbildung an diesem Standort stärker zu verfolgen. Hier fanden ab 1890 62 Schüler und die Lehrer Platz zum Unterrichten, eingeweiht wurde das Gebäude der Israelitischen Taubstummenanstalt jedoch erst ein Jahr später. Ab diesem Zeitpunkt war die Schule die erfolgreichste Einrichtung und Vorbild für andere Einrichtungen dieser Art.

Israelitische Taubstummen-Anstalt

Die Israelitische Taubstummen-Anstalt im 20. Jahrhundert (@ Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)

Nazi-Herrschaft: Auflösung von Strukturen

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Verein mehr als 5000 Mitglieder, es konnte weitere Grundstückfläche erworben und ein Kindergarten für Gehörlose gebaut werden. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft und der offensiven Verfolgung der Juden wurde die Arbeit der Israelitischen Taubstummenanstalt immer schwieriger. Es folgten Umstrukturierungen; Felix Reich, Sohn des Gründers und Schulleiter wurde entlassen und 1942 lösten sich die restlichen Strukturen der Schule auf. Die verbliebenen Schüler in der Parkstraße wurden deportiert und ermordet. Bei Bombenangriffen wurde ein großer Teil des Schulgebäudes beschädigt, die Aula wurde komplett zerstört.

Lebendiges Erbe einer Lehrstätte

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Einrichtung vom Bezirksamts genutzt, bis das Grundstück und das Gebäude nach der Wende im Jahr 1990 an die Stephanus-Stiftung ging. Hier wurden in der Stephanus-Schule fortan Kinder mit geistiger Behinderung betreut, in Ost-Berlin die erste Einrichtung ihrer Art. Die Schule befindet sich heute an anderer Stelle des Stiftungsgeländes, 2008 zogen die Elisabeth-Schulen ein. Die Schüler und Schülerinnen beschäftigen sich heute im Rahmen von Projekttagen mit der schweren Vergangenheit des Ortes. Während der Schulzeit kann man im Schulgebäude eine Ausstellung besichtigen, die das Ergebnis von Recherchen sind. Ganz unbeabsichtigt kam bei Bauarbeiten ein Stück der Geschichte der Israelitischen Taubstummenanstalt zu Tage. Die Decke der Aula war damals mit kupfernen Tellern bedeckt, die mit jüdischen Symbolen beschriftet waren. Einer dieser Teller hat die Bombenangriffe überstanden und kam vor einigen Jahren an die Oberfläche. Seit dem Januar 2015 befindet sich der Teller in der ersten Brandenburger Synagoge in Cottbus.

Stolperstein Berlin Weissensee

Der Stolperstein als Gedankenanstoß

In der Parkstraße erinnert heute stellvertretend ein Stolperstein an das Schicksal der taubstummen Schüler, ihrer Familien und an die Lehrer der Israelitischen Taubstummenanstalt. Gewidmet ist der Stolperstein Johanna Berg, die am 19. Oktober 1881 in Berlin geboren wurde und als Lehrerin an der Schule arbeitete. Sie lebte bis zu ihrer Deportation auch in der Parkstraße 22. Am 15. September 1942 wurde sie mit anderen jüdischen Menschen von Berlin Moabit nach Estland deportiert, wo alle Betroffenen kurze Zeit später ermordet wurden. Im August 2014 wurde der Stolperstein im Beisein der Hinterbliebenen von Johanna Berg eingeweiht.

Andenken vor Ort

Elisabeth-Schulen
Parkstraße 22
13086 Berlin

Die Geschichte der Elisabeth-Schulen im Internet

elisabeth-schulen.de

In der Rubrik “Nebenan am See” wird jede Woche ein herausragendes Geschäft, Projekt oder eine Person aus Weißensee vorgestellt.