Aus der Ursuppe Weißensees auferstanden liegt der culturLAWINE e.V. etwas abseits vom Schuss. An der Ecke Streustraße/Friesickestraße liegt das Mehrfamilienhaus, das sein Logo auf der Hauswand trägt.

Ab durch den Hof geht es in das Kunsthaus im Hinterhof. Hinter einer schweren Eisentür begrüßt der Künstler Micha Koch seine Gäste – und auch das Frollein an einem kalten Tag im Dezember. In seinem ‚Studio für Kunst + Kommunikation – Raum für Kreativität und Präsentationen’ steht ein vier Meter hohes dreidimensionales Lichtkunstobjekt. Das Objekt entwarf Micha Koch für den russischen Künstler Pavel Pepperstein, das auf dessen Zeichnung „Flying Shell, Cloud Planes“ basiert. Das Kunststück war ein Teil des Projektes „artists4climate“, das die UN-Klimakonferenz 2015 in Paris begleitete. Die Herausforderung dieser Arbeit sei nicht nur die Proportion des Objektes gewesen, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Werkstoff, erzählt er. Auf dem kleinen Innenhof, der zu Kochs Atelier gehört, sieht man verschiedene Versuche, Studien und Modelle, zu nahezu jedem Bauteil gibt es eine Geschichte zu erzählen. In diesem Jahr feiert der Verein culturLAWINE sein 25jähriges Bestehen – da kommen viele Begebenheiten und Erinnerungen zusammen.

Die culturLAWINE in Berlin Weißensee.

Micha Koch ist der Gründer der culturLAWINE in Berlin Weißensee.

Von der Besetzung zum sozialen Wohnungsbau

Micha Koch ist einer der Bewohner des Wohnprojektes im Vorderhaus der Streustraße 42. Zudem hat er sein Atelier im Hinterhaus. 1991 gründete er der Verein culturLAWINE, der heute etwa 20 Künstlern und Musikern aus den verschiedensten Bereichen auf 640 qm Ateliers, Werkstätten oder auch Probenräume im Keller des Hauses bereitstellt. Zu den Mietern gehören Bildhauer, Maler und auch Fotografen, eine hohe Fluktuation gibt es nicht. „Hier muss langfristig niemand nach vermietbaren Proberäumen oder Ateliers fragen, die Warteliste ist lang“ erzählt Micha Koch und lacht.
In der Wendezeit besetzte Micha Koch mit anderen Kunstschaffenden das Grundstück in der Streustraße – ein bekannteres Beispiel aus der Berliner Besetzerszene ist das legendäre Tacheles. Das Vorderhaus war damals vom Abbruch bedroht, die Künstler und späteren Bewohner retteten das Wohnhaus durch viel Initiative, in dem hinteren Gebäude fanden die ersten Ateliers ihren Platz. Für das Vorderhaus entstand schnell die Idee eines sozialen Wohnungsbaus für Kulturschaffende. Es wurde der Verein ‚Feine LebensART e. V.’ gegründet, um dem Besetzertum eine offizielle Basis zu geben. „Das Problem war, dass nicht eindeutig geklärt war, wem die Immobilie eigentlich gehört“, erklärt Koch. Lange dauerte der bürokratische Prozess, bei dem der Eigentümer ermittelt werden sollte – viele potentielle Eigentümer meldeten sich, aber keiner war’s. Schließlich wurde die Immobilie, das Wohnhaus und das hintere Kunsthaus in die Hände des Vereins gegeben und im Rahmen des Förderprogramms für bauliche Selbsthilfe großzügige finanzielle Mittel für die Instandsetzung und die Sanierung der Gebäude gewährt. Damit war das Modellprojekt „Kunst & Wohnen“ eines der letzten seiner Art, das eine solche Förderung erfahren hat.

Die culturLAWINE in Berlin Weißensee.

Im Hinterhof spielen das Leben und die Musik

In den nächsten Jahren gestaltete der Verein mit Theateraufführungen, Konzerten, Ausstellungen und mehr das Kunstleben der Hauptstadt mit; die Künstler der culturLAWINE sind sowohl im In- wie auch Ausland aktiv und haben immer ein Stück culturLAWINE im Koffer mit. Micha Koch war Mitgründer der ersten Stunde, sicher auch ein Grund, warum er sich für „sein Baby“ verantwortlich fühlt. In eigenständigen Veranstaltungen, Diskussionsrunden und Filmabenden, die in seinem Atelier stattfinden, stellt er auch gern die Gesamtvision des Kunst- und Wohnprojektes vor. Aus der Weißenseer Kulturlandschaft ist er nicht wegzudenken. So gestaltete er für das Strandbad Weißensee den identitätsstiftenden Schriftzug WEISSENSEE und als temporäres Projekt den Zuckerhut und die Christusstatue von Rio de Janeiro, die zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 das Dach des Strandbades schmückten. Mit dem Besitzer des Strandbades ging er zur Schule, nahezu sein ganzes Leben verbrachte er in Weißensee und kann so als ein Urgestein der lokalen Kulturszene bezeichnet werden.

Die culturLAWINE in Berlin Weißensee.

Gentrifizierung – Ein schmaler Grad

Und wie es die Urgesteine so an sich haben, sind die vom Aussterben bedroht. Die zunehmende Besiedelung Weißensees mit Menschen, die das urtümliche Berlin kennen lernen möchten – und es dabei unbeabsichtigt zerstören – sieht er gespalten. Natürlich sei es gut und wichtig, wenn die Kulturszene durch mehr Aufmerksamkeit und einen lebendigen Austausch bereichert würde, so Micha Koch, davon leben solche Projekte schließlich. Die culturLAWINE ist aber auch ganz direkt von den negativen Auswirkungen des Zuzugs betroffen. Direkt neben dem Vereinsgelände entsteht auf dem Eckgrundstück ein neues Wohn- und Geschäftshaus, wie es an vielen Ecken des Kiezes aus dem Boden gestampft wird. Dass es sich hier um einen sozialen Wohnungsbau handelt, kann ausgeschlossen werden. Für diesen Neubau wurde ein altes Fabrikgebäude der Ruthenberg’schen Höfe, die die Streustraße und nahe Lehderstraße prägen, abgerissen. Die culturLAWINE in Berlin Weißensee.Eine Initiative rund um die culturLAWINE bemühte sich noch darum, das historische Gebäude aus dem Ende des 19. Jahrhunderts unter Denkmalschutz stellen zu lassen – vergeblich. Zudem wird der Neubau das Logo der culturLAWINE verdecken, das sich an der Westseite des Wohnhauses befindet und bereits von weitem zu sehen ist. Aber gut, Berlin lebt von Zugezogenen – Micha Koch versucht es positiv zu sehen, schließlich brachte ihm die Neugestaltung des Kiezes einen tollen Schwäbischen Bäcker, bei dem er die besten Brötchen bekäme. Viel drängender ist die Frage, wer sich nun integrieren muss: Die Zugezogenen oder die culturLAWINE? Der Neubau grenzt an den Hofbereich der Ateliers – hier wird auch gehämmert und geschweißt, was bisher kein Problem darstellte. „Wir werden die neuen Nachbarn auf jeden Fall herzlich willkommen heißen“, so Koch, „und wir hoffen auf eine gute Nachbarschaft, die die Eigenheiten der Umgebung schätzt.“ Die culturLAWINE rollt weiter.