In diesen Tagen gehen hier die Handwerker ein und aus, durch den Hof gelangt man auf die große Baustelle, die das ehemalige Stummfilmkino Delphi momentan darstellt. Zwischendrin Brina Stinehelfer, die viel telefoniert und e-Mails verschickt. Sie ist ein Teil der Leitung des Delphi und hat die künstlerische Leitung inne – eine Baustelle ist ja irgendwie auch ein Ort der Kreativität. Die Handwerker wie auch Brina, ihr Partner Nikolaus und die vielen Helfer arbeiten auf den 2. Dezember hin, wenn das Delphi mit einer Gala feierlich wiedereröffnet werden soll. Dann soll das ehemalige Stummfilmkino wieder ein offener Ort für Theater, Musik und Kunst werden.

delphi_stummfilmkino_berlin_weissensee_1

Foto: per aspera e.V.

1929: Stummfilmkino in „Klein Hollywood“

Die Geschichte des magischen Ortes in der Gustav-Adolf-Straße 2 beginnt, als viele andere in Weißensee enden. Die Anfang des 20. Jahrhunderts noch selbstständige Gemeinde Weißensee wurde in den 1920er-Jahren ein international angesehener Ort für Filmstudios- und produktionen, die hier ihre Ateliers hatten und bekannte Filme wie Richard Oswalds „Anders als die Andern“ (1918/19) oder Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1919/20) drehten. Mit der Weltwirtschaftskrise nahm diese Entwicklung des „Klein Hollywood“ ein jähes Ende. Während 1929 viele Menschen nachts in ihr Kissen weinen, eröffnet am 26. November 1929 das Stummfilmkino Delphi. Es ist das letzte in Berlin eröffnete Stummfilmkino und eines von fast 400 Kinos in Berlin. In der Filmstadt Weißensee gab es mehrere Kinos, allein um den Antonplatz hat es sieben gegeben, von denen nur das Kino Toni übrig blieb. Die Patina des großen Raumes kam in den vergangenen Jahrzehnten ganz von allein, für die Architektur waren die Architekten Julius Krost und Heinrich Zindel zuständig. Etwa 900 Personen fanden in dem großen Kinosaal Platz, neben den ebenerdigen Kinoplätzen gab es einen Rang, im  Orchestergraben fanden bis zu 13 Musiker Platz. Am 29. November 1992 schaute man den Film „Hochverrat“.

delphi_stummfilmkino_berlin_weissensee_2

Foto: per aspera e.V.

1959: Das Großraumkino schließt seine Türen

Welche Filme man ab 2018 im ehemaligen Stummfilmkino zu sehen bekommen wird, ist noch unklar. Schön ist aber, dass die Türen der Location überhaupt wieder offen sein werden. Berlin macht ja gern mal Fehler, wenn es um die Finanzen geht und spart gern am falschen Ende. Das war auch schon früher so. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Delphi umgehend wiedereröffnet, bereits im Juli 1945 konnten Menschen sich beim Schauen eines Filmes vom harten Alltag erholen. Größere Schäden musste das Stummfilmkino nicht hinnehmen, weshalb es im Gegensatz zu einem Großteil anderer Berliner Kinos nicht umfassend saniert wurde. Leider wurde übersehen, dass anscheinend das Dach undicht war und sich sehr viel Wasser in der Zwischendecke sammelte. 1959 bröckelte die Decke und Stuck fiel in den Saal. Deshalb wurde das Stummfilmkino Delphi im Februar 1959 geschlossen, Sanierungspläne in den nächsten Jahren scheiterten. Das heute sehenswerte Foyer wurde in den nächsten Jahren unter anderen zum Gemüselager und zum Wäscherei-Standort des VEB Vereinigte Wäschereien Berlin Rewatex. Nach 1990 wurde im Delphi ein Schauraum für Orgeln eröffnet, 2005 wurde das Kino zwangsversteigert. Schließlich erwarb Andreas Jahn die Immobilie, dem auch der Steinmetzhof in der Lehderstraße sowie weitere Immobilien in Weißensee gehören. Und dann kam Brina.

delphi_stummfilmkino_berlin_weissensee_.6

Foto: per aspera e.V.

2011: Eine Silvesternacht mit Folgen

Silvester 2011. Brina wird von einer Freundin nach Weißensee gelotst. Es gibt Burlesque-Tanz zu Sektchen und Konfetti. Sie tritt am westlichen Zipfel Weißensees durch eine unscheinbare Tür und findet sich im Delphi wieder, das im Dornröschenschlaf liegt und noch immer den Glamour längst vergangener Tage ausstrahlt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt die gebürtige New Yorkerin. Vor zehn Jahren trieb es die Performance-Künstlerin nach Berlin. In den USA werde Kunst nicht sehr gut gefördert, sie hätte auch nicht ewig hinter dem Tresen einer Bar arbeiten wollen. Nicht jeder glaubt an den Mythos des Tellerwäschers. Das Delphi ging ihr nicht aus dem Kopf, es wuchs eine Idee heran, die schnell Gestalt annahm. Schon 2012 konnten die Türen des Delphi hin und wieder geöffnet werden, seit 2013 ist das Künstler-Paar die Betreiber des ehemaligen Stummfilmkinos und hat einen 20-Jährigen Mietvertrag, der sie langfristig denken lässt.
„Berlin ist einer der wenigen Großstädte, in denen es möglich ist, als Künstler solch ein Haus zu betreiben“, so Brina, „das ist sehr außergewöhnlich.“ Mit ihrem Partner Nikolaus Schneider arbeitet sie seither ununterbrochen an ihrem Lebenstraum.

delphi_stummfilmkino_berlin_weissensee_3

Foto: per aspera e.V.

2017: Die Patina bleibt

In den vergangenen Jahren konnten viele verschiedene Produktionen und Veranstaltungen im Delphi stattfinden, die Bandbreite reicht von Musiktheater, Perfomance und klassischen Konzerten bis hin zu zu Kunstprojekten, die sich mit dem besonderen Raum, den das Delphi darstellt, und seinem Charakter auseinandersetzt. Eine große Unterstützung war es, als das Delphi 2016 von der Edith Maryon Stiftung erworben wurde. Die Schweizer Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, ausgewählte Immobilien aufzukaufen, um sie vor Spekulation zu schützen. Brina und Nikolaus sind trotzdem in Form des Vereins „Per Aspera“ die Betreiber des Delphi. In Zukunft sollen die Räumlichkeiten auch für Firmenveranstaltungen, Weihnachtsfeiern und andere, besondere Events vermietet werden. Zuletzt war das Delphi Drehort für das fulminante Serien-Spektakel „Babylon Berlin„. Im Delphi wurden die Szenen gedreht, die in der Bar Moka Efti spielen.
Im April 2017 wurden die Türen des Delphi wiederum geschlossen, um wichtige Instandhaltungsmaßnahmen durchzuführen und Auflagen zu erfüllen, die für einen regelmäßigen Spielstättenbetrieb notwendig sind. Zum Ende des Jahres sollte nicht nur die notwendige Genehmigung vorliegen, sondern das Delphi auch feierlich wiedereröffnet werden. Dann sei auch endlich die Zeit gekommen, um mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen und sich in den lebendigen Kiez einzubringen, so Brina. Jetzt müssen sich aber erst einmal die Weißenseer als gute Nachbarn beweisen.

delphi_stummfilmkino_berlin_weissensee_.7

Foto: per aspera e.V.

Das Delphi braucht Hilfe: Lokale Kulturstätte unterstützen

Am 1. Oktober wurde – wie in einem schlechten Film – in das ehemalige Stummfilmkino eingebrochen. Die Einbrecher müssen mit einem großen Lastwagen angerückt sein, denn sie haben alle technischen Geräte sowie alle Baumaterialien mitgenommen, „selbst den Tacker haben sie eingepackt“, so Brina. Der Schaden beläuft sich auf etwa 100.000 Euro, wovon allein die Baumaterialien 50.000 Euro ausmachen. Eine Versicherung gibt es nicht. Der Grund ist nicht Nachlässigkeit: Als ein öffentlicher Raum, der einen hohen Besucherverkehr anvisiert, beläuft sich die jährliche Beitragszahlung einer solchen Versicherung auf eine fünfstellige Summe. Einen Betrag, den zwei selbstständige Künstler nicht aufbringen können. Nun sind Brina und Nikolaus auf Spenden angewiesen. Sie benötigen 20.000 Euro, um das nötigste Equipment zu ersetzen und am 2. Dezember mit einer Gala die Wiedereröffnung zu feiern, 50.000 Euro werden benötigt, um alle Materialien zu ersetzen. Die Crowdfunding-Aktion auf Startnext lief am 13. Oktober an, eine Woche später sind schon knapp 9.000 Euro zusammen gekommen, es gibt also Hoffnung. Besonders schön: Wer das Delphi mit 25 Euro unterstützt, kommt auf die „Wall of Friends“ im Foyer und erhält so einen Platz der Unsterblichkeit im kollektiven Gedächtnis Weißensees –  oder so. Die Unterstützung lohnt sich in jedem Fall, denn Orte wie das Delphi machen den Charakter Weißensees aus und verweisen auf die goldenen Zeiten der Filmstadt.

delphi_stummfilmkino_berlin_weissensee_.8

Foto: per aspera e.V.

Vormerken

2. Dezember 2017 – Feierliche Abendgala zur Wiedereröffnung des Delphi (Infos folgen hier)

3. Dezember 2017Tag der offenen Tür und Meet & Greet mit Brina und Nikolaus

Ort und Zeit – Ehemaliges Stummfilmkino Delphi

Theater im Delphi
Per Aspera e.V.
Gustav-Adolf-Str. 2
13086 Berlin

ehemaliges-stummfilmkino-delphi.de
www.facebook.com/ehemaligesStummfilmkinoDelphi

Crowdfunding-Aktion: 
www.startnext.com/rettet-das-theater-im-delphi

In der Rubrik “Nebenan am See” wird alle zwei Wochen ein herausragendes Geschäft, Projekt oder eine Person aus Weißensee vorgestellt.