Seit nicht einmal einem Jahr ist Weißensee um ein Wohnzimmer reicher: In der alten Fischräucherei treffen sich Nachbarn, Studenten und die, die in der Nähe schaffen müssen, um bei lecker Gulasch, Möhrensuppe und russischen Deftigkeiten zu plaudern.

Babuschka Weißensee

Die Diktatur der Suppenkelle

Vor allem jetzt, wenn es draußen unwirtlich ist, da sehnt man sich nach dem einen Ort, der Wärme, Licht und Liebe verspricht: Also immer rein ins Babuschka! Hier geht es umtriebig zu. Mittags stürmen (Kunst)Handwerker, Studierende der nahen Ostkreuzschule und verirrte, selbstständige Seelen wie das Frollein ins Babuschka. Mütter mit Kinderwagen belegen den vorderen Fensterbereich am Nachmittag, wenn es Piroggen nach orginal Moskauer Rezept gibt. Wenn es nach dem Geschmack von Besitzerin Eleonora geht, dürfte es noch bunter bei ihr zugehen. Die gebürtige Russin ist sozusagen die Mutti des Ladens: À-la-carte war gestern, hier kommt auf den Teller, was die Kelle kleckt. Das ist ziemlich aufregend, weil nie ganz klar ist, welches Gericht bei einem Besuch wartet. Lecker ist es immer, egal ob es einen Wahnsinns-Gulasch, Schweinebraten mit Erbsen-Kartoffel-Stampf und Rotkohl oder traditionell, russischen Bortsch mit Rindfleisch gibt. Auch Vegetarier kommen hier auf ihre Kosten: Obwohl das Frollein grundsätzlich eher zu fettig-herzhaft tendiert, schmecken Kreationen wie Salat mit Polenta, gerösteten Tomaten, Oliven und Kräuterquark oder Salat mit roter Bete, Avocado, Quinoa und Pesto tatsächlich sehr gut.

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Wie bei Muttern – nur besser

Es ist die Diktatur der Mutti: Nachmittags um 16 Uhr müssen Besucher damit rechnen, dass das Essen aus ist, denn hier wird frisch gekocht und was alle ist, ist alle. Ist das Gulasch aus (So passiert!), wählt man ein anderes Hauptgericht oder einen Salat. Ansonsten kann man in den gemütlichen Sesseln versinken und bei einer frisch zubereiteten Limonade schmollen. Eleonora hat eine stoische Gelassenheit, von der ihre Gastfreundschaft geprägt ist: Immer alle rein, nehmt was da ist und dann setzt euch mal hin. Das gibt dem Babuschka sein Wohnzimmer-Flair, was ein wohltuender Kontrast zu diesen hipstermäßigen Cafés im minimalistischen Stil ist. Fühlt man sich dort eher wie ein Fremdkörper, ist man hier mittendrin und gehört zum Ensemble. Die gute Erziehung lässt jeden Gast sein gebrauchtes Geschirr in die Ablage zurückstellen und wenn es eng wird, teilen sich die Gäste den Tisch. Voll normal halt.

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Ein Stück Heimat in der Ferne

Im Mai 2017 eröffnete das Babuschka in der Behaimstraße nahezu zeitgleich mit dem Gründerzeitladen in der Langhansstraße. Zuvor nutzte das „Café Nino“ die Räumlichkeiten. Mit dem Auszug war der Platz frei und Eleonoras Suche nach einer geeigneten Fläche endlich beendet. Überstürzt war die Eröffnung sicher nicht. Im September 2015 testete Eleonora ihr Café-Konzept beim „Park(ing) Day“ an der Weißenseer Spitze. Im Rahmen eines POP-UP CAFÉs in der Streustraße lud sie zu Kaffee, Tee und Kuchen – die Resonanz war gut. Vielleicht ist es auch ein bisschen Sehnsucht nach der Heimat. Vor sechs Jahren kam die Moskauerin nach Deutschland. Seither vermisst sich die typisch russischen Kuchen. Wer aus der alten Heimat zu Besuch kommt, muss immer Kuchen mitbringen. Als Wirtschaftsexpertin war Eleonora auf der ganzen Welt unterwegs – als sie ihren heutigen Ehemann kennenlernte, entschieden sie sich für Deutschland als Lebensmittelpunkt und landeten schließlich in Weißensee. In ihrer zweiten Elternzeit reifte der Plan heran, ihre Festanstellung aufzugeben und sich Café-Inhaberin zu werden, der Rest ist Geschichte.

Babuschka Weißensee Berlin

Mehr Borschtsch für alle

Über die Wahl ihres Standortes ist sie sehr glücklich. In der unmittelbaren Nachbarschaft zu den Werkhöfen der Behaimstraße besucht ein ziemlich buntgemischtes Volk das Café, das mit Begeisterung auf das Babuschka reagierte habe. Im Mai 2018 wird das Einjährige Bestehen gefeiert, aber schon jetzt lässt sich von einem Erfolg sprechen. Um die Küche noch russischer zu gestalten, führte Eleonora vor kurzem den „Pelmeni & Wareniki-Freitag“ ein: Dann gibt es original handgemachte Pelmeni mit Hack in Brühe oder beispielsweise Wareniki mit wahlweise Pilzen und Kartoffeln, russischem Käse und Kräuter oder Weißkohl und Karotte. Eine Herzensangelegenheit bleibt der frischgebackene russische Kuchen mit Waldbeeren, Aprikosen oder Twork, einem russischem Käse. Und weil die Studierenden aus der Ostkreuzschule sowie Menschen wie das Frollein morgens immer hungrig sind, beugt sich Eleonora dieses eine Mal der Diktatur der Gäste und bietet seit November auch unter der Woche Frühstück mit Süßem und Herzhaftem an.
Fragt man Eleonora nach der Zukunft, dann sieht sie – ganz Wirtschaftsfachfrau –Babuschka-Filialen in ganz Berlin, besonders gern in „Charlottengrad“, dem Zentrum der russischen Berlin-Zuwanderer. Dann lächelt sie ganz versonnen und lenkt im nächsten Moment gleich ein. Das Babuschka sei ihr Baby, es aus der Hand zu geben und nicht täglich vor Ort zu sein, könne sie sich nicht vorstellen. Ja. Ganz Mutti halt.

Babuschka Weißensee

Ort und Zeit

Mo bis Fr: 9 bis 18 Uhr
Frühstück, Mittagstisch und Kuchen
Pelmeni & Wareniki-Freitag

Sa und So: 10 bis 16.30 Uhr

Wochenendfrühstück

Behaimstr. 32
13086 Berlin

https://www.facebook.com/pg/hallobabuschka