Vom 18. bis 24. Januar 2018 findet im BrotfabrikKino zum ersten Mal das Festival „Film: Schweiz“ statt. Dass das kleine Land eine eigenständige Kultur und Kunstszene in sich trägt, entgeht vielen. Schweiz? Das besteht doch nur aus Bergen, Wiesen, Käse und Banken. Diesem Umstand will nun „Film: Schweiz“ entgegentreten und eine Plattform schaffen, die internationale Vergleiche ermöglichen und in erster Linie eine dringend notwendige Aus- und Aufwertung des schweizerischen Kinos fördern soll. 

In der ersten Ausgabe des Festivals setzt sich das Programm aus älteren und aktuellen Filmproduktionen zusammen, die einen Überblick über das Filmschaffen aus der Schweiz und die langjährige Tradition in Sachen Filmkunst – dem so genannten “septième art“ bieten soll. Als roter Faden zeichnet sich eine Vorliebe der Filmautoren für außenseiterische Protagonisten ab, die sich kritisch gegenüber dem im allgemeinen als verklärt paradiesisch konnotierten Konstrukt „Schweiz“ positionieren. Die Werke konterkarieren zudem jedes Klischee, von denen es nicht wenige gibt, das – wie schon angedeutet – üblicherweise mit dem Land des Käses, der Uhren und Schokolade verbunden wird.

„Der Goalie bin ig“ – Festivaleröffnung mit Literaturverfilmung

Das Festival eröfnet mit „Der Goalie bin ig“ (2014) von Sabine Boss, eine von drei vertretenen weiblichen Filmemacherinnen. Die Adaptation des gleichnamigen Romans von Pedro Lenz gewann 2014 den Schweizer Filmpreis und das Buch zuvor den Schweizer Literaturpreis. Der Berner Pedro Lenz gilt als Erneuerer der Mundartliteratur. Er erzählt von einem Mittdreißigjährigen, der versucht, nach einem Aufenthalt im Gefängnis, ein ruhiges Leben in einer Kleinstadt zu führen.

Über das entstehen des Festivals und dessen Anliegen sprach ich mit Teresa Vena, der Festivalleiterin von „Film:Schweiz“.


Film:Schweiz Festival

Pedro Lenz liest am 23. Januar in der Brotfabrik. (Foto: Patricia von Ah)

Wie kam es zu der Idee, ein Schweizer Filmfestival zu organisieren?

Die Idee kam bereits vor einigen Jahren auf, als ich gemeinsam mit zwei Freundinnen und Filmwissenschaftlerinnen Filme aus der Schweiz neuester Produktion zeigen wollte. Da die beiden kurz darauf, erst nach Brüssel und dann zurück in die Schweiz zogen, schlief das Projekt ein. Zudem hatten wir gleich zu Beginn Anlaufschwierigkeiten, weil wir die Hartnäckigkeit unterschätzt hatten, die für die Beschaffung von Fördergeldern notwendig war. Nun geraume Zeit später und nachdem ich mich als Filmkritikerin und Kuratorin einer kleiner Filmreihe ausprobiert und Erfahrung gesammelt habe, machte sich der Wunsch nach einem eigenen großen Festival wieder bemerkbar. Gerade durch meine Erfahrung im Filmbereich und meinen zahlreichen Teilnahmen an Festivals in Berlin und im Ausland wurde ich darin bestärkt, dass insbesondere Filme aus der Schweiz zu wenig Beachtung finden. Mich erstaunte, dass selbst Schweizer kaum eine Handvoll Filme aufzählen können, die im eigenen Land produziert wurden. Gerne möchte ich mit dem Festival Film:Schweiz dagegenhalten.

Was verbindet Dich mit dem Alpenland?

Ich bin selber Schweizerin, als Kind süditalienischer Einwanderer bin ich in der Deutschschweiz geboren worden und aufgewachsen. Wie viele Kinder von Einwanderern fühle ich mich vielfach zwischen den Kulturen hin- und hergerissen, bilde mir aber ein, das Beste der jeweiligen Seite für mich herauszupicken. Seit meinem (selbstgewählten) Exil nach Berlin vor fast zehn Jahren werde ich mir meiner Herkunft immer bewusster. Das geht vermutlich vielen „Ausländern“ so. Vielfach bin ich erstaunt, wie wenig Berliner über die Schweiz wissen, geschweige denn, es geht um Kultur.

Das geht nicht nur dem Schweizer Film so.

Ja, selbst wenn die Sprache auf deutschsprachige Literatur kommt, finden vielleicht im besten Fall einzelne österreichische Autoren Nennung, aber kaum Schweizer, obwohl eindeutig Persönlichkeiten wie Jeremias Gotthelf, Friedrich Glauser, Friedrich Dürrenmatt oder Robert Walser längst dem internationalen Vergleich standhalten. Also habe ich erst in den letzten Jahren fern von der Heimat einen gewissen Stolz für die eigene Kultur zu verspüren begonnen, den ich bereit bin, nach außen zu tragen.

Welche Rolle spielt die Vielsprachigkeit der Schweiz?

Die Schweizer Filmgeschichte ist genauso alt wie die gesamte Filmgeschichte. Es wurden in der Schweiz auch Stummfilme gedreht, die nur in wenigen Fällen erhalten sind und auch eher ungeschickte, künstlerische Versuche darstellen. Die Filmindustrie entwickelte sich in der Deutschschweiz und französischsprachigen Schweiz weitgehend unabhängig voneinander und mit periodischem beachtlichem Erfolg. Beide Seiten schielten allerdings mehr zum jeweiligen gleichsprachigen Ausland, mit dem Co-Produktionen auf finanzieller Basis, aber auch in der Zusammenarbeit mit den Schauspielern stattfand. So hatte beispielsweise Michel Simon, ein gebürtiger Genfer, eine Karriere in Frankreich, der bekannteste Schweizer Regisseur Jean-Luc Godard wird kaum mehr mit der Schweiz in Verbindung gebracht und hatte an sich kaum mehr einen Bezug zu seinem Ursprungsland. Die sprachliche Vielfalt der Schweiz spiegelt sich auf diese Weise auch im Film und trägt vermutlich zu einem wesentlichen Teil auch dazu bei, dass das Filmschaffen aus der Schweiz nicht als einheitlich wahrgenommen wird oder werden kann. Während sich die französischsprachige Produktion weiterhin nach Frankreich richtet und französische Schauspieler bevorzugt beschäftigt, so dass keine lokale sprachliche Variationen und vielfach auch geografische feststellbar sind, geht es den Filmen auf Schweizerdeutsch wie der Musik, dass sie einen zu kleinen Markt bedienen. Die Schweizer weisen traditionellerweise eine besondere Fertigkeit im Fach Dokumentarfilm auf und erhielten international viele Preise, große Namen sind dabei wie Yves Yersin, Fernand Melgar, Markus Imhoof, Peter Liechti. In Bezug auf den Spielfilm finden sich alle Genres von der Komödie, über das Drama über die Animation und den fantastischen Film wieder, dies sowohl bei den Lang- als auch Kurzfilmen.

Was macht den Schweizer Film so speziell?

Spezifisch am Schweizer Film ist vermutlich, dass einzelne Persönlichkeiten herausstehen, im Gegensatz zu einer fassbaren Filmnation. Inhaltlich bedienen die Filme fast alle Themen von der Liebes-, Kriminal- und persönlichen Schicksalsgeschichte, Tendenzen lassen sich kaum ausmachen und ähneln der internationalen Filmproduktion. Es geht mir darum, zu zeigen, dass in der Schweiz Filme entstehen, die als in sich geschlossene, zeitgemäß-relevante, einfallsreiche und technisch vollkommene Kunstwerke gelten können.

Gibt es einen Grund, warum die Brotfabrik dazu prädestiniert ist, Austragungsort zu sein?

Die Brotfabrik zeichnet sich durch ein über die Berliner Stadtgrenzen hinaus bekanntes und beachtetes Programm aus. Der Leiter des Kinos, Dr. Claus Löser, ist ein anerkannter Filmhistoriker und guter Kenner des Schweizer Films. Damit ist es eine Nobilitierung des Projektes, wenn es an diesem Ort stattfinden darf.


Kultur in Berlin Weißensee

Hier könnt ihr euch das ganze Festivalprogramm als PDF downloaden. Ihr findet alle Termine auch zeitnah im Veranstaltungskalender von „Frollein Weißensee„.
Mehr Infos zum Festival gibt es unter filmschweiz.com.