An einem eher unwirtlichen Tag im September wartet Hannah auf mich. Wir sind zum Shootingday Weissensee verabredet. Nachdem mir als Frollein schon im März einige Sendeminuten im RBB Heimatjournal geschenkt wurden und meine neue Medienpräsenz sogar weit entfernte Verwandte in den Untiefen Brandenburgs erreichte, komme ich jetzt vor die Fotokamera.

Unterwegs mit dem Frollein

Hannah ist Studentin an der Ostkreuzschule für Fotografie, deren Sitz etwas aus dem typischen Gebäudeensemble der Behaimstraße heraussticht. Hannahs Aufgabe für den heutigen Tag ist es, eine Reportage zum Thema „Unterwegs mit Frollein Weißensee“ zu erstellen. Also sind wir beide den halben Tags unterwegs, um mein Weißensee zu ergehen. Als Symbol für das sich verändernde Weißensee starten wir bei „Friedas Glück“, dem alten Weißensee wird mit dem Kulturhaus „Peter Edel“ gehuldigt, weiter geht es vorbei am Mirbachplatz und Kino Toni Richtung Weißen See und Plansche. Unterwegs treffen wir auch andere junge Menschen, die auf der Suche nach passendem Material für ihre Projektthemen sind. Sie alle studieren dokumentarische und künstlerische Fotografie an der Ostkreuzschule und können sich am Shootingday Weissensee ganz praktisch auf ihren späteren Berufsalltag vorbereiten. Bereits Anfang 2017 kontaktierte mich Anna Merten, die sich an der Weißenseer Schule zur Bildredakteurin ausbilden lässt. Die einjährige Weiterbildung zum Bildredakteur ist in Deutschland mit der speziellen Ausrichtung auf die künstlerische und journalistische Fotografie einmalig.


Sie und ihre Kommilitonen recherchierten Anfang des Jahres Themen für die Fotografen, holten Genehmigungen ein und erstellten den jeweiligen Arbeitsauftrag, den die Fotografie-Studierenden erst kurz vor dem jeweiligen Shooting erhalten. Während Valeria an diesem Tag im September dem Weißenseer SM Fetischclub „Second Face“ einen Besuch abstattet und Oscar unser heimeliges Weißensee in David Lynch-Manier fotografiert, darf Hannah mit mir um die Häuser ziehen. Ich möchte jetzt mal sagen, dass sie damit wahrscheinlich nicht das allergrößte Los gezogen hat, aber – HEY! – unterhaltsam bin ich allemal.

Spannende Momente zwischen Fotografie und Redaktion

In der Ostkreuzschule gehört niemand zu den blutigen Anfängern. „Zum größten Teil gehen unsere Studenten bereits einem Beruf nach“ erklärt Nadja Masri. Die freie Bildredakteurin und Beraterin leitet seit 2011 die Klasse „Bildredaktion“. Seit 2013 konzipiert und entwickelt sie gemeinsam mit ihren Schülern den Ostkreuzschulen-Blog „OKS-lab“. Die Schüler übernehmen dabei die Redaktion mit Autoren, Bloggern vom Dienst, organisieren die Schlussredaktion und das Community Management – wie im wirklichen Leben. Zu den Höhepunkten jedes Ausbildungsganges gehört die Zusammenarbeit mit den Fotografen des „Documentary Practice and Visual Journalism Program am International Center of Photography (ICP)“ in New York. Die Fotoserien der Kollegen aus Übersee werden von der jeweiligen Bildredaktionsklasse editiert und erscheinen in der Buchserie «New York Edited». In diesem Jahr erscheint mit «Out of Place» die siebte Ausgabe der Buchserie (Book Release: Samstag, 10. Feb 2018).

Zürich – Rotterdam – Behaimstraße

Ein Großteil der Studierenden ist nicht in Berlin beheimatet: Der aktuelle Jahrgang kommt beispielsweise aus Dortmund, Köln, Hamburg, Hannover oder auch Zürich oder Rotterdam. „Die Bildredakteure lernen über Bilder zu sprechen und zu artikulieren, warum es sich um ein interessantes Bild handelt oder eben nicht“, erklärt Nadja. Dazu kommt das Editieren und Recherchieren, Fotogeschichte und viele praxisnahe Projekte. Renommierte Gastdozenten erzählen aus ihrem täglichen Berufsalltag, außerdem werden gemeinsam Ausstellungen besucht.

Für die aktuell insgesamt etwa 100 Studierenden im Bereich Fotografie und Bildredaktion ist das Fotografie-Studium eine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu perfektionieren und ihre eigene künstlerisch-fotografische Handschrift zu finden. Das Fotografie-Studium ist in sieben Semester unterteilt, das aus Basis,- Fach- und Abschlussklasse besteht. Neben Bildgeschichte, einem Basiskurs für Fotografiertechniken, Photoshop und Co. geht es vor allem um die Praxis. Im achten Semester können die Studierenden selbstständig an ihrem Abschlussprojekt arbeiten. Pro Monat gibt es sechs Präsenztage, an denen sich die verschiedenen Klassen in der Behaimstraße treffen und gemeinsam arbeiten. Der Rest liegt in den Händen der Studierenden. Um das private Studium bezahlen zu können, gehen viele der Studierenden einem Nebenjob nach, andere stehen bereits voll im Berufsleben.

Ostkreuz-Charme in Weißensee

„Neben dem Studium arbeite ich in einer Bar, um mir etwas Geld dazuzuverdienen, da die Materialen sowie die Fotoausrüstung sehr preisintensiv sind“, erzählt Hannah, „aber abgesehen von dem Nebenjob räume ich der Fotografie schon die meiste Zeit ein.“ Auch wenn die 22-Jährige keinen Unterricht habe, verbringe sie die freien Tage im Labor, bei der Postproduktion oder der Arbeit an persönlichen Projekten.

 

Seit 2004 existiert die Ostkreuzschule, schon lange vorher pocht an dieser Stelle in der Behaimstraße ein Kleinod der deutschen – wenn nicht sogar europäischen – Fotografenszene. Lange bevor hier Fotografen und Bildredakteure ausgebildet wurden, gründete sich 1990 die Ostkreuz Bildagentur. Gegründet wurde die Bildagentur von Sibylle Bergemann, Ute Mahler und Werner Mahler, Jens Rötzsch, Harald Hauswald, Thomas Sandberg sowie Harf Zimmermann. Thomas Sandberg und Werner Mahler gründeten 2004 die Ostkreuzschule.

Heute gilt Ostkreuz als eine der erfolgreichsten von Fotografen selbst geführten Agenturen in Deutschland. Hannah, die aus dem brandenburgische Zossen nahe Berlin groß geworden ist, kam durch ihre Mutter bereits im Alter von zwölf Jahren mit den Arbeiten von Fotografen der Agentur Ostkreuz in Berührung. „Weil meine Leidenschaft für Fotografie bereits im Kindesalter begann, schlug sie mir ein Studium an der Ostkreuzschule vor, was ich immer im Hinterkopf behielt“, erzählt sie. Nach dem Abitur entschied sie sich aber zunächst für ein Studium in Kunstgeschichte. Drei Semester und einige Praktika später war ihr aber klar, dass sie „selbst kreativ sein möchte, anstatt einzig und allein über kreative Arbeiten zu schreiben“. Also zurück zum Fotografie-Wunsch und hin zur Ostkreuzschule, die für Hannah die „beste Ausbildungsstätte für Fotografie in Berlin ist“, an der sie sich auch bewarb und beim ersten Versuch angenommen wurde.

Wandertag: Shootingday Weißensee

Und da stehen wir dann an einem dunklen Septembertag und versuchen Hannahs Fotografen-Karriere voranzubringen. Ich mache wirklich alles für ein gutes Foto, nur nicht lächeln. Muss ich aber nicht, gehört auch gar nicht zum Konzept, erfahre ich. Es geht ja dann doch eher um Weißensee als um mich. Die Shootingdays Weissensee sind für die Studierenden eine gute Möglichkeit, den Kiez kennen zu lernen, in dem sich ihre Ausbildungsstätte befindet. Da internationale Studierende und Fotografen aus anderen Bundesländern einen immer größeren Anteil ausmachen, ist die Verbindung der Studierenden zu Weißensee nicht sehr groß. Nur ins „Babuschka“, da fallen mittags Studierende wie Lehrer verlässlich wie eine Meute ein, um Nahrung zu sich zu nehmen – und schon wieder von Business, Kunst und Klatsch zu sprechen.

Für Hannah ist Weißensee „ein Ort, der in vielerlei Hinsicht polarisiert“. Einerseits sei es sehr ruhig, zu bestimmten Tageszeiten und an einigen Orten hingegen dominiere wiederum die städtische Hektik und Schnelllebigkeit. „Weißensee bedeutet für mich immer auch eine Kollision von Altem und Neuem“, so die Fotografin, „man spürt mehr als in anderen Ecken Berlins den Hauch einer vergangenen Zeit, allerdings entwickelt sich der Bezirk immer mehr zu einem Ort, wo Kunst und Kultur florieren“. So erkläre sie sich die vielen neuen Restaurants und Läden sowie stetig wachsende kulturelle Angebote, von denen sie viele erst während unseres gemeinsamen Rundgangs kennengelernt habe.

Unser Shootingday Weissensee endet am Gründerzeitladen in der Langhansstraße. Auch hier kommt Altes und Neues von Weißensee mustergültig zusammen. Während das Shooting für mich nun beendet ist und ich nur gespannt auf das Resultat sein kann, geht für Hannah die Arbeit erst los. Material sichern, entwickeln, auswählen und mit der Bildredaktion abstimmen. Am Ende wird ihre Reportage in der Klasse besprochen und es lässt sich nur hoffen, dass alle etwas davon mitgenommen haben. In diesem Beitrag könnt ihr einige der entstandenen Reportage-Fotos sehen, ihr erkennt sicher viele eurer Weißenseer Orte wieder. Das Frollein möchte sich in jedem Fall für die Zusammenarbeit und die Einsichten in die Ostkreuzschule bedanken – und freut sich auf weitere Medienangebote. Vielleicht kommt ja mal einer von den fancy Prenzlberger Bloggern zu mir und bringt mich auf YouTube? Ich bin auf jeden Fall hier, in Weißensee.

*Alle Fotos in diesem Beitrag wurden von Hannah Schönwald im Rahmen des Shootingday Weissensee 2017 erstellt.