Wer beim Spazierengehen hin und wieder auch einmal auf den Bürgersteig schaut anstatt die Nase in die Sonne zu halten, trifft auch in Weißensee auf Stolpersteine. Diese Mahnmale sind nur so groß wie ein Pflasterstein, bringen aber eine große Geschichte mit sich: ein Menschenleben.

Was sind die Stolpersteine?

Die Stolpersteine sind aus einem künstlerischen Projekt des Bildhauers und Aktionskünstlers Gunter Demnig hervorgegangen. 1990 erinnerte er mit einer Farbspur durch Köln an die Deportation von 1000 Sinti und Roma im Jahr 1940. Da es sich um ein vergängliches Zeichen gegen den Terror handelt, konservierte er es durch eingelassene Messingtafeln. An 21 Stellen wurden diese Tafeln mit der Inschrift „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“ langfristig in den Boden gelassen.
1992 folgte der erste Stolperstein: Am 16. Dezember 1942 gab  Heinrich Himmler den Befehl zur Deportation von Sinti und Roma. 50 Jahre später erinnerte Demnig  mit dem ersten Stolperstein vor dem Historischen Rathaus von Köln an dieses Datum. 1993 folgte in der Publikation „Größenwahn – Kunstprojekte für Europa“ die direkte Idee, für Verfolgte des nationalsozialistischen Systems Gedenksteine zu verlegen. 1994 wurden auf Initiative durch den Pfarrer der Antoniter-Gemeinde in Köln, Kurt Pick, 250 Stolpersteine für ermordete Sinti und Roma in der Kölner Kirche ausgestellt. 1995 wurden die 10 x 10 cm großen Stolpersteine in Köln verlegt.

Jüdisches Leben in der Nachbarschaft

Gunter Demnig wurde in seiner Idee bestärkt, als er von einer Kölner Zeitzeugin hörte, dass diese sich sehr sicher sein würde, dass in ihrer Nachbarschaft keine Sinti oder Roma gelebt hätten. Dabei führten Sinti, Roma und Juden zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts kein Schattendasein. Sie waren Teil der Gesellschaft, waren Ärzte, Lehrer und Kollegen. Umso wichtiger ist es noch heute sichtbar zu machen, wo jüdisches Leben herausgerissen wurde. Das kleine Denkmal mit großer Wirkung wird an dem letzten, selbstbestimmten Wohnort des Opfers verlegt. Ein Stolperstein kann auch vor der eigenen Tür nötig sein.
Das Projekt regt zum Reflektieren über das heutige jüdische Leben an: Leben heute Juden in meiner Nachbarschaft? Wenn ich es nicht weiß, warum eigentlich nicht? Dass es in Berlin Weißensee ein jüdisches Leben gab verwundert nicht, denn hier befindet sich schließlich auch der größte bestehende Jüdische Friedhof Europas. Insgesamt verzeichnet die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin in Weißensee vier Stolperstein-Stellen. Neben den Steinen in der Behaimstraße, der Meyerbeerstraße und an der Woelckpromenade soll es einen Stein in der Prenzlauer Promenade 4 geben. Dort konnte vom Frollein jedoch kein Stein gefunden werden.

Ein Stolperstein in der Woelckpromenade 7 in Berlin Weißensee.

Ein Stolperstein in der Woelckpromenade 7 in Berlin Weißensee.

 

Wie kann man sich für die Stolpersteine im Kiez engagieren?

Wer sich engagieren möchte, der kann als Putzpate hin und wieder nach dem Stolperstein seines Vertrauens schauen und ihn ein wenig polieren, damit er wieder glänzt. So kann auch schnell bemerkt werden, wenn der Stein beschädigt wurde.
Möchte man selbst einen Stolperstein verlegen lassen und dafür als Pate fungieren, dann kann man entweder das nötige Geld spenden, das dafür genutzt wird. Wer seinen Kiez besser kennen lernen möchte, kann mit etwas Unterstützung der Koordinierungsstelle jüdisches Leben im Kiez und der Nachbarschaft recherchieren. So kann man den Menschen, dem dieses Denkmal gilt, persönlich auswählen und sein Schicksal kennen lernen. Oft ist außer den Lebensdaten nicht viel über die Opfer bekannt, denn es handelt sich um Menschen wie wir es alle sind: Angestellte, Mütter, die Verkäuferin oder ein Sohn.
Stolpersteine kann man im Übrigen in ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern verlegen, es gibt viele regionale Initiativen. Auch Schulklassen, Unternehmen und andere Einrichtungen können gemeinsam die Patenschaft übernehmen – das wäre doch einmal Geschichtsunterricht zum Anfassen? Sicher gibt es auch in Weißensee noch mehr jüdisches Leben zu entdecken. Wer noch mehr Stolpersteine im Kiez kennt oder über eine anstehende Patenschaft und die Beweggründe berichten will, kann sich gern melden.

Stolpersteine in Berlin Weißensee

www.stolpersteine-berlin.de

In der Rubrik “Nebenan am See” wird jede Woche ein herausragendes Geschäft, Projekt oder eine Person aus Weißensee vorgestellt.