In den vergangenen Jahren hat Weißensee ein typisches Berliner Schicksal ereilt: Die Investoren haben uns als „grüne Oase in Berlin“ entdeckt. Das bringt einiges Gutes mit sich, aber auch viele Häuser die neu gebaut werden, Altbauten die aufwändig saniert werden und Mieten, die Weißenseer sich nicht mehr leisten können. Schön ist es aber, wenn historische Bausubstanz erhalten und mit neuem Leben gefüllt wird. So geschehen in der Sternecker-Brauerei an der Berliner Allee.

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Sternecker macht Weißensee zum Las Vegas der Jahrhundertwende

Rudolf Sternecker war ganz nahe dabei, als das Dorf Weißensee und vor allem Neu-Weißensee zur Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert seinen glamourösen Aufstieg feierte. Gustav Adolf Schön kaufte das Schloss Weißensee direkt im Park am Weißen See und verpachtetet es ab etwa 1874 an Sternecker unter, der das Schloss und den Park zum “Welt-Etablissement Schloss Weißensee” umbauen ließ. Schloss und Park müssen gigantische Ausmaße gehabt haben, die man sich bei einem Spaziergang am See heute nicht mehr ausmalen kann. Neben zwei Tanzsälen, einer Rutschbahn, Karussells, Würfelbuden, Musik-Pavillons, einem „See-Theater“, das bis in das Wasser reichte und dem heutigen Strandbad, sollen auch Ballonfahrten möglich gewesen sein. Außerdem zogen Attraktionen wie ein Fotoatelier, eine Schießhalle, ein Taucher-Bassin, Hippodrom, Riesenkarussell, Riesenrad und eine elektrische Eisenbahn die Berliner Gesellschaft in den damaligen Vorort. 1885 kaufte Sternecker das Grundstück an der Königs-Chaussee, der heutigen Berliner Allee, hinzu und ließ dort eine Brauerei erbauen.

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Die Sternecker-Brauerei im Wandel der Zeit

Das Bier aus der Brauerei „Zum Sternecker“ wurde praktischerweise gleich im eigenen, unterverpachteten Gaststättenbetrieb am Weißen See ausgeschenkt. Nachdem das Schloss Weißensee 1919 abgebrannt war, schloss die Sternecker-Brauerei 1922. Anschließend wurden die verschiedenen Gebäudeteile bis 1925 für die Magarineherstellung und danach als Schlachtverarbeitungsbetrieb „Rudolf Koschwitz“ genutzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Gelände an der Berliner Allee ein Kriegsgefangenenlager errichtet, am 19. Mai 1944 zerstörte ein Bombenangriff große Teile des ehemaligen Brauereigeländes. Nach dem Ende des Krieges besetzte die Rote Armee die Reste der Sternecker-Brauerei, bevor das Gelände 1949 Volkseigentum wurde. Nun waren die Gebäude wieder in ihrer ursprünglichen Funktion in Betrieb, der VEB Kindl-Brauerei Weißensee war geboren. Später nutzten die DDR-Behörden die Gebäude für den VEB Gasversorgung, der 1979 mit dem VEB Energieversorgung Berlin fusionierte. 1984 wurde auch das zum Komplex gehörende Kreiskulturhaus, das seit 1963 seine Funktion erfüllte, nach dem Schriftsteller und DDR-Kulturfunktionär Peter Edel (1921-1983) umbenannt. Vorab hießen das ehemalige Restaurant und der Ballsaal  „Volkshaus“ und später „Café Moskau“ – so hatte das heute unscheinbare und  leider noch immer marode Gebäude viele Gesichter.

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Ohne uns: Wohnen in der Sternecker-Brauerei

Nach der Wende wurde die Brauerei ihrem Verfall überlassen und viele Weißenseer fragten sich, was mit dem markanten roten Klinkerbau und der Turmuhr, die stehengeblieben ist, passieren wird. Ab 2011 kam Leben in das Gemäuer, Investoren nahmen sich der Sache an. Bis 2013 wurden die vier bestehenden Gebäude saniert, die historische Fassade blieb zum größten Teil bestehen. Seit Ende 2013 stehen in dem kleinen Dorf 46 Wohnungen zur Verfügung. Schaut man sich die Verkaufspreise der zwischen 43 und 129 m² großen Wohnungen an – sie wurden alle für Preise von 129.467,00 bis 451.966,00 Euro angeboten – dann weiß man, dass dort wahrscheinlich nicht alteingesessene Weißenseer den Blick über den See genießen dürfen. Eigentlich schade, aber trotzdem ist es schön, wenn ein für Weißensee so wichtiges Gebäude erhalten werden konnte.

In der Rubrik “Nebenan am See” wird jede Woche ein herausragendes Geschäft, Projekt oder eine Person aus Weißensee vorgestellt.