Nachdem wir in der vergangenen Woche die Geschichte der Israelitischen Taubstummen-Anstalt beleuchtet haben, bleiben wir am selben Ort. Die Stephanus-Stiftung im Herzen Weißensees ist eine der ältesten karitativen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und pflegebedürftige Menschen.

Stephanus Stiftung Weißensee

Der Online-Auftritt der Stephanus Stiftung in Berlin Weißensee (Screenshot)

Erst am vergangenen Wochenende lud die Stephanus-Stiftung zum jährlichen Fest auf dem großen Grundstück zwischen Parkstraße und Albertinenstraße ein. Es ist gar nicht so leicht den Überblick über das Gelände zu behalten, viele Wege und Gänge führen durch das baumreiche Stiftungsgelände, nahezu jedes Gebäude trägt einen eigenen Namen. In dieser idyllischen Lage am Weißen See finden Kinder, Erwachsene und ältere Menschen Raum und Zeit um zu lernen und zu leben. Heute bestehen am Hauptstandort der Stephanus-Stiftung verschiedene Einrichtungen für Menschen mit Handicap – dabei scheint der Prozess der Weiterentwicklung nie still zu stehen. Es wird immer an der einen oder anderen Stelle gewerkelt, erst seit kurzem strahlen die Gebäude hinter der roten Backsteinmauer an der Parkstraße in neuem Glanz – immer im Auge müssen alle Verantwortlichen die Richtlinien des Denkmalschutzes haben. Kaum ein Haus kann nicht auf eine lange Geschichte zurückblicken, die bei dem umtriebigen Geist von Pfarrer Ernst Berendt begann.

Ein Ort für Frauen in Neu-Weißensee

Im Jahr 1978 gründete der gebürtige Berliner die Bethabara-Stiftung für Frauen und Mädchen, die aus der Haft entlassen wurden. Resozialisierungsprogramme wie heute gab es zu dieser Zeit noch nicht, Berendt wollte ihnen eine Grundlage für den Neuanfang bieten. Er kaufte ein Grundstück in Neu-Weißensee und gründete das „Zufluchtheim der Stiftung für Mädchen und Frauen“. Berendt betreute auch schwangere Minderjährige, die in der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts wenig Chancen hatten. Ab 1899 bestand im Haus „Beth-Elim“ eine Entbindungsstation. Es kam ab 1905 ein Pfarrhaus hinzu, im Haus „Hephata“ fanden schwererziehbare Mädchen eine Bleibe, 1925 kommt ein Jugendkrankenhaus für geschlechtskranke minderjährige Mädchen hinzu. 1928 entstand in der Albertinenstraße das erste homöopathische Krankenhaus in Deutschland. Nach und nach Erwarb die Stiftung immer mehr Flächen rund um das Zufluchtsheim für Frauen und Mädchen. Waren diese zu Beginn noch selbstständig, wurden sie ab 1902 unter dem erweiterten Namen ‚Stiftung Bethabara-Beth-Elim‘ weitergeführt.

Die Bedeutung der Stiftung Bethabara-Beth-Elim

Um die Wichtigkeit dieser Stiftung zu verstehen, muss man sich die Rolle der Frau zum Ende des 19. Jahrhunderts vor Augen halten: Unverheiratete Frauen konnten gesellschaftlich schwer Fuß fassen, eine Ehe und die Familienplanung waren in allen Schichten ein wichtiges Ziel. Während aber vor allem die Frauen in der Arbeiterschicht notfalls auch ohne Mann durchkommen konnten, war für Frauen in höheren Schichten, die zumeist keinem Beruf nachgingen, die Ehe die Sicherung der gesellschaftlichen Stellung. Pfarrer Berendt war vor allem den jungen Frauen eine Stütze, die nicht auf begüterte Familien zurückgreifen konnten oder durch eine Schwangerschaft vor der Ehe in Ungnade gefallen sind. Sein Engagement vor den Türen Berlins fiel genau in die Zeit der proletarischen Frauenbewegung und bewegte sich somit im Zeitgeist. Frauen wollten ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten dürfen, Frauen wollten wählen gehen (was in Deutschland im übrigen erst ab 1918 möglich war) und Frauen wollten selbstbestimmt leben. Die Stiftung Bethabara-Beth-Elim trug zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu bei, dass Mädchen und Frauen in kritischen Lebenssituationen aufgefangen und aufgebaut wurden.

Die Adolf-Stoecker-Stiftung während der NS-Herrschaft

Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Bewegung wurde die Arbeit der Stiftung stark eingeschränkt. Es mussten Gebäude abgegeben werden, 1941 wurde die Stiftung in Adolf-Stoecker-Stiftung umbenannt. Der Namensgeber war ein antisemitischer Pfarrer. Nur ein Jahr später starb der Sohn Pfarrer Berendts, Ernst Berendt jun., im KZ Dachau. Bis dahin hatte er die Leitung der Stiftung inne, die ihn sein Vater übertragen hatte. Durch die Bombenangriffe auf Weißensee wurden die Gebäude an der Albertinenstraße stark beschädigt, jedoch konnten sie in der DDR wieder aufgebaut bzw. neue Häuser errichtet werden.

Vielfältige Stephanus-Stiftung

Es gäbe noch Menschen die das Stiftungsgelände besuchten und erzählen, dass sie auf der Entbindungsstation geboren wären, erzählt der Stephanus-Mitarbeiter Martin Jeutner. Viele Menschen die die Hilfe und Fürsorge der karitativen Einrichtung in Anspruch genommen haben, bleiben ihrem Haus lange treu. Einige der heutigen Gebäude wurde durch eine testamentarische Verfügung gestiftet, so dass sich die Einrichtung nach und nach vergrößert. An der Mauer einer der ehemaligen Fleischerei kann man heute noch die Haken entdecken, an denen früher die Schweine angebunden wurden. Bereits zu Beginn der Stiftungsgeschichte gab es weitere Standorte, beispielsweise in Bad Freienwalde, Templin oder im Biesenthal. In den verschiedenen Einrichtungen können Menschen mit Behinderung nicht nur leben, sondern auch arbeiten und lernen. So gibt es an vier Standorten die Stephanus-Werkstätten, in denen Menschen mit Handicap eine Ausbildung erhalten und gefördert werden. Direkt an der Albertinenstraße befindet sich das heutige ‚Grüne Haus‘, das ein Alten- und Pflegeheim ist. Gleich dahinter befindet sich die Stephanus-Schule, in der Kinder mit Behinderung unterrichtet werden. Am anderen Ende des Gelände befindet sich ein inklusiver Kindergarten sowie die Elisabeth-Fachschulen, in denen SchülerInnen sozialen Berufe erlernen.

Um die Stellung der Frau muss man sich heute weniger Gedanken machen. Arbeiten dürfen sie gehen, Kinder bekommen auch. Im Fokus stehen heute die Kinder und die Erwachsenen, die durch ein Handicap einen schwierigen Start in ein erfülltes Leben haben. Auch Stiftungsziele sollten mit der Zeit gehen, die Stephanus-Stiftung ist auf einem guten Weg.

Die Stephanus-Stiftung vor Ort

Stephanus-Stiftung
Albertinenstraße 20
13086 Berlin

Die Stephanus-Stiftung im Internet

stephanus-stiftung.de

In der Rubrik “Nebenan am See” wird jede Woche ein herausragendes Geschäft, Projekt oder eine Person aus Weißensee vorgestellt.