Der Sommer 2018 wird uns allen noch lange in Erinnerung bleiben. Was haben wir geschwitzt. Was haben wir in Weißensee an Bäumen gegossen, weil eine nicht enden wollende Hitzewelle Berlin überkommen hat. Das zeigte sich in völlig verbrannten Wiesen rund um den Weißen See und auch ein paar Meter weiter hatte eine kleine grüne Oase mit der Dürre zu kämpfen. Aber das ist nicht die erste Herausforderung, die Michael Bendler annimmt. Er kümmert sich ehrenamtlich um die Kleine Oase, die in der Charlottenburger Straße/ Ecke Max-Steinke-Straße zum Verweilen einlädt.

Anfang September besuchte ich Michael Bendler in seiner Kleinen Oase. Endlich hatte ich ihn gefunden, nachdem ich mich schon mehrere Jahre fragte, wer denn für den bunten Fleck Erde mitten in Weißensee zuständig ist. Wir sind an dem scheinbar einzig kühlen Tag im Spätsommer verabredet (etwas unter 30 Grad), um sein Stück Grün anzuschauen.

Nun hat dieser Sommer der Kleinen Oase reichlich zugesetzt. Aber das ist ja auch klar: Umgeben von Asphalt, Wohnhäusern und vielen Bäumen ist das Wasser rar und jede Gießkanne Wasser ist ein Tropfen auf den heißen Stein. So sieht es im September schon sehr karg aus, was die Bepflanzung angeht. Aber die restlichen Gestaltung haut es wieder raus.

Wer kann, der kann

Michael Bendler kümmert sich seit 2009 um das Brachland an der verkehrsregen Kreuzung. Dazu kam es, weil der Rentner jahrelang dem Verfall des Flecks Erde zusehen musste – und das von ganz nahe. Seine Lebensgefährtin Christa Matuszewsky ist die Besitzern des Miethauses hinter der Kleinen Oase. Sie wurde dort auch geboren und lebt seitdem unter dieser Adresse (Muss man auch erstmal schaffen.)

Bevor Bendler sich  für das Eckgrundstück einsetzte, wurde dieser gern als Müllplatz benutzt und das Unkraut wucherte hoch. Weißensee halt, so wie es vor dem Zuzug aus dem Prenzlberg aussah. Der aktive Rentner konnte sich das nicht mehr anschauen und rief die Nachbarschaft zusammen. Gemeinsam wollten sie die Fläche beräumen und schöner gestalten. Stück für Stück verschwand der Müll und es entstand ein Platz für die Kleine Oase inmitten der Großstadt.

Seither setzt Bendler sich Jahr für Jahr neue Ziele, die er mit der Unterstützung des Kiezes umsetzt. Besonders markant ist der Wegweiser, der Passanten den Weg in die verschiedenen Himmelsrichtungen zeigt. Der Pfahl und die Schilder wurden vom Bildungszentrum am Kreuzpfuhl gestiftet. Bendler steht auch im guten Kontakt zum Gartenamt. Er erhielt Mutterboden, um den völlig ausgelaugten Boden zu verbessern. 2016 konnte das Trafohäuschen im hinteren Teil der Oase von Graffitikünstlern mit typischen Berliner Motiven gestaltet werden.

Generationenübergreifendes Projekt

2014 wird Michael Bendler gemeinsam mit dem Förderverein der Kita Schivelbeiner Straße 12 zum Thema „Ich wohne mit der Umwelt – und Du?“ mit dem Pankower Umweltpreis ausgezeichnet. Eine große Genugtuung für den Rentner und eine Bestätigung für sein Engagement. Denn wenige Monate zuvor wollte er das Projekt eigentlich beenden. Es kam zum wiederholten Male zu Vandalismus. Den jungen Bäumchen wurden die Spitzen abgeschnitten, andere Dinge geklaut oder beschädigt. Aber es scheint so, als wenn Michael Bendler nicht loslassen kann.

 

Mit den Jahren steigt die Bekanntheit der Oase und sie wird auch vermehrt genutzt. Junge Frauen lassen sich mit ihren Kinderwagen auf der Bank nieder, um kurz zu verweilen, andere freuen sich einfach über ein Stück Anarchismus mitten im relativ bürgerlichen Weißensee. An manchen Tagen stellt Bendler eine Spendenbüchse auf. Jätet er dann gerade die Beete und sieht, dass jemand ein paar Münzen klimpern lässt, dann kommt er auch gern mit den Besuchern ins Gespräch.

Grüner wird’s nicht?

Bereits 2011 pflanzte die damalige Abgeordnete Claudia Hämmerling (Bündnis 90/Die Grünen) Pflaumenbäume in der Kleinen Oase. Bendler hat sie gut in Erinnerung, denn sie setzte sich für das bürgerliche Ehrenamt ein. Seither sind Weinstöcke hinzugekommen, in diesem Jahr wuchsen auch Tomaten. Der Boden gibt nicht viel her, weshalb Bendler schon an Hochbeete gedacht hat, in denen mit guter Erde wirklich etwas wachsen würde. Besonders im Sommer 2018 war das Beackern der Fläche schwierig.

Und Michael Bendler denkt nicht nur an die Kleine Oase, sondern an seinen ganzen nachbarschaftlichen Straßenzug. Mit der BSR ist er mittlerweile per Du. Bendler hält seinen Kiez rein und die Straßenreinigung freut sich über soviel Zuarbeit. In diesem Sommer besorgte er außerdem Wassersäcke, mit denen die Bäume bewässert werden konnten. Schöner soll es in seiner Ecke auch noch werden. Deshalb hat Bendler und seine Partnerin Christa nochmals Graffitisprayer zu sich zu gerufen, die die Mauer um das Mietshaus verschönern sollen. Noch ist das Kunstwerk nicht ganz fertig, aber es wird langsam.

Der Ofensetzer aus dem Prenzlberg

Wem es bei der Betrachtung der Graffitiwand und des Trafohäuschens schon ins Auge gestochen ist: Ja, der Dackel ist ein gestalterischer Schwerpunkt. Das Paar ist nämlich schon vor langem auf den Dackel gekommen, weshalb die kurzbeinigen Hunde einen Ehrenplatz erhalten. Jetzt geht die Kleine Oase erst einmal in den Winterschlaf, 2019 soll es aber weitergehen.

Tatsächlich steht ein ganz konkretes Projekt an. Michael Bendler möchte einen Buddha und einen Torii  in die Kleine Oase bringen. Letzteres ist das traditionelle Eingangstor zu einem Schrein, dessen Gestaltung man aus der japanischen Architektur kennt. Der Rentner ist erst im Oktober in Japan und Südkorea gewesen.

Auf seinen Reisen holt er sich immer wieder Inspirationen für die Kleine Oase. Realisiert werden kann dieses neue Projekt durch eine Spende von BENN (Berlin Entwickelt Neue Nachbarschaften), die im Maxim anlässlich eines  Konzertes einer syrischen Band gesammelt wurden. Michael Bendler ist sicher kein typischer Rentner. Wer einmal mit ihm ins Gespräch kommt, erfährt dolle Sachen.

So war er in seinem früheren Leben Ofensetzer und lebte im Prenzlauer Berg. Also dem Prenzlauer Berg von früher, Arbeiterviertel und ziemlich abgerockt. Bendler schulte um, wurde Handelskaufmann und kam auch ins Visier der Staatssicherheit. Er war 1989 in der Gethsemanekirche dabei und gehörte zu den ersten DDR-Bürgern, die am 9. November 1989 die Bornholmer Brücke passierten. Den Mund lässt der Rentner sich immer noch nicht verbieten und vielleicht kann man die Kleine Oase als ein Stück Protest in einer zunehmend komplexen, digitalen und nicht greifbaren Welt verstehen. Auf dem Flecken Grün kommen Menschen zusammen, um im Jetzt und Hier die Welt ein bisschen schöner zu machen.

Michael Bendler versteht die Kleine Oase als Nachbarschaftsprojekt, weshalb er sich freut, wenn sich weitere Mitstreiter finden. Sei es, um Blumen regelmäßig mit Wasser zu versorgen, neue Pflanzen anzuschaffen oder die Grünfläche noch einladender zu gestalten. Wer Interesse hat, seinen Kiez mitzugestalten, der melde sich gern unter info@frollein-weissensee.de. Alle Mails werden weitergeleitet.